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Vol. XV · N°259
Mittwoch, 16. September 2026
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Welt03. September 2026

Ukrainische Geheimdienste geraten auf Kiewer Straße aneinander, drei verletzt

Ein Zusammenstoß zwischen dem Inlandsgeheimdienst SBU und dem Militärnachrichtendienst HUR im Bezirk Berezniaky hinterließ drei verletzte HUR‑Offiziere.

Ukrainische Geheimdienste geraten auf Kiewer Straße aneinander, drei verletzt

Kiew, Am Mittwoch eskalierte ein Konflikt zwischen dem ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU und dem Militärnachrichtendienst HUR auf einer Wohnstraße im Kiewer Bezirk Berezniaky. Drei HUR‑Offiziere wurden verletzt, zwei von ihnen befinden sich in kritischem Zustand.

Wie der Zusammenstoß ablief

Der Vorfall begann, als SBU‑Agenten mit dem festgenommenen stellvertretenden Kommandanten des russischen Volunteer Corps, Stepan Kaplunov, zu einer Wohnung zurückkehrten, die sie durchsuchen wollten. HUR‑Mitarbeiter, die das Gebäude bewachten, stellten sich den SBU‑Kräften entgegen, was zu einem hitzigen Wortwechsel führte, der in Schüsse mündete.

Laut Videoaufnahmen, die ukrainische Medien veröffentlichten, waren die ersten Schüsse Warnschüsse der SBU. Später traf die Eliteeinheit Alfa der SBU ein, und das Filmmaterial zeigt, wie mehrere Vollkugeln auf HUR‑Offiziere abgefeuert wurden, die im Türrahmen standen.

Kaplunovs Anwalt, Taras Borovskyi, erklärte der Ukrainska Pravda, dass ein HUR‑Offizier eine Beinverletzung erlitt, bei der eine Arterie durchtrennt wurde, sodass er verblutete, bevor er ins Krankenhaus gebracht werden konnte. Ein zweiter Offizier befand sich ebenfalls in kritischem Zustand, ein dritter erlitt leichtere Verletzungen.

Die SBU behauptet, ihre Beamten hätten Gewalt angewendet, um einer von ihr als "bewaffneten Widerstand" bezeichneten Reaktion der HUR entgegenzuwirken. Ob HUR‑Mitglieder zurückgeschossen haben, wurde nicht bestätigt.

Hintergrund des Streits

Der Konflikt lässt sich auf eine Verhaftung am 23. August zurückführen. SBU‑Agenten nahmen Kaplunov vor einer Wohnung fest, die HUR als Basis für seine Freiwilligen nutzt. Kaplunov, ein in Russland geborener Ex‑Soldat, der in Syrien kämpfte, unterstützt die Ukraine seit der Annexion der Krim 2014. Er ist ein ranghoher Vertreter des Russian Volunteer Corps, einer Einheit aus russischen Staatsangehörigen, die das Kreml ablehnen und an Grenzraids in russisches Territorium teilgenommen haben.

HUR‑Vertreter werfen der SBU eine Entführung bei Tageslicht vor. Ein Video der NV-Website zeigt, wie Kaplunov vom Boden gehoben und in ein Fahrzeug gesetzt wird, während er um Schutz vor einem Kopfschlag bittet, weil er eine alte Wunde habe.

Nach der Festnahme erklärte die SBU, sie untersuche ein mutmaßliches Terrornetz gegen einen russischen Oppositionsführer im Vorfeld der Unabhängigkeitstag‑Feierlichkeiten am 24. August. Später behauptete die Behörde, Kaplunov habe mit dem russischen FSB kooperiert und plane ein Attentat, eine Anschuldigung, die bislang nicht unabhängig verifiziert wurde.

Politische Folgen

Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte das Geschehen als "absolut beschämend" und betonte, dass Schusswaffen nur zum Schutz des Landes gegen russische Besatzer eingesetzt werden dürften. In einer Fernsehansprache sagte er: "Hier in der Ukraine ist das Schießen nur gegen russische Besatzer zur Verteidigung der Ukraine erlaubt."

Im Anschluss entließ Selenskyj Oleh Chramow, den Leiter der SBU‑Abteilung für Schutz und Staatsgeheimnisse, ein seltener Schritt, um hochrangige Sicherheitsbeamte für Gewalt innerhalb der Regierung zur Verantwortung zu ziehen.

Kyrylo Budanow, Leiter des Präsidialamtes und ehemaliger Direktor des HUR, forderte eine unabhängige Untersuchung und erklärte: "Niemand hat das Recht, Mitglieder der Streitkräfte mit Straffreiheit zu entführen, auf den Straßen unserer Städte zu schießen oder kriminelle Befehle zu erteilen und auszuführen."

Reaktion der russischen Propaganda

Der Vorfall wurde schnell von russischen Kriegsbloggern und staatlich ausgerichteten Medien aufgegriffen. Telegram‑Kanäle wie Military Informant bezeichneten das Ereignis als "kleinen Krieg" in der ukrainischen Hauptstadt, während der Kanal Two Majors die beiden Dienste verspottete, weil sie "mit Sturmgewehren vor fremden Fenstern Rechnungen begleichen".

Der Veteran der russischen Propaganda Alexander Kots schrieb auf seinem Telegram‑Feed, der Konflikt sei "sehr interessant" und rief seine Follower dazu auf, die weitere Entwicklung zu verfolgen, wobei er den innerukrainischen Streit als Beweis für Chaos im ukrainischen Staat darstelle.

Historischer Kontext der Agentur‑Rivalität

Spannungen zwischen SBU und HUR sind nicht neu. In den ersten Monaten der russischen Invasion wetteiferten die beiden Dienste um Einfluss, Ressourcen und operative Kontrolle. Beide Organisationen haben sich stark vergrößert: Die SBU beschäftigt heute rund 30.000 Agenten, fast so viele wie das FBI der USA, während der HUR ebenfalls gewachsen ist, wenn auch nicht in gleichem Ausmaß.

Ein häufig zitierter Vorfall war der Tod von Denys Kirejew, einem ehemaligen HUR‑Offizier, der angeblich vor der Invasion in den russischen Geheimdienst eingeschleust war. Budanow beschuldigte die SBU, Kirejew im März 2022 ermordet zu haben; die SBU wies dies zurück und führte den Tod auf eine Verwechslung mit einem russischen Agenten zurück. Das Präsidialamt deutete später an, dass mangelhafte Koordination zwischen den Diensten zu der Tragödie beigetragen habe.

Diese internen Spannungen haben bei westlichen Partnern Bedenken hinsichtlich der Effektivität des ukrainischen Geheimdienstapparates geweckt, insbesondere weil das Land stark auf präzise Informationen angewiesen ist, um Verteidigung und humanitäre Hilfe zu koordinieren.

Weitere Entwicklungen im Krieg

Während der Straßenkonflikt in Kiew die heimischen Schlagzeilen dominierte, entwickelte sich die Front weiter. Der russische Staatssender Slivochny Kapriz veröffentlichte Zahlen, wonach die russischen Streitkräfte im August netto 220 Quadratkilometer Territorium gewonnen hätten, ein leichter Anstieg gegenüber 176 Quadratkilometern im Juli. Unabhängige Analysten des US‑Instituts for the Study of War berichteten von einem kleineren Nettozuwachs von 90 Quadratkilometern, bzw. 123 Quadratkilometern inklusive Infiltrationsgebiete.

Die Diskrepanz zwischen russischen und pro‑ukrainischen Quellen spiegelt eine wachsende Informationslücke wider, die seit Kriegsbeginn größer geworden ist. Ein ukrainischer Analyst namens Vitalii wies darauf hin, dass die russische Seite nun etwa 5.000 Quadratkilometer mehr beansprucht als das ukrainische Mapping‑Projekt DeepState UA, ein Unterschied, der im Januar noch unter 2.000 Quadratkilometern lag.

Steigerung von Angriffen auf zivile Infrastruktur

Daten der Website Tochnyi, analysiert von dem französischen OSINT‑Spezialisten Clément Molin, zeigten im August einen starken Anstieg russischer Angriffe auf ukrainische Zivillager, mit 140 Attacken im Vergleich zu den üblichen 10‑20 pro Monat zu Jahresbeginn.

Molin verknüpfte den Anstieg mit der ukrainischen Logistik‑Kampagne gegen die von Russland besetzten Südregionen und stellte fest, dass Russland, weil es Schwierigkeiten habe, ukrainische Versorgungskonvois direkt zu treffen, vermehrt Lager und Tankstellen anvisiere. Er wies Behauptungen zurück, die Angriffe seien nicht mit ukrainischen Operationen verbunden, und argumentierte, dass das Muster einer erhöhten Frequenz nicht zufällig sei.

Ukrainische Stellen bestätigten die Fähigkeit Russlands, den Konflikt nach Belieben zu intensivieren, und betonten die Notwendigkeit eines glaubwürdigen Abschreckungsmechanismus für einen dauerhaften Waffenstillstand.

Menschliche Kosten des breiteren Konflikts

Laut dem Open‑Source‑Projekt Oryx, das Ausrüstungsverluste anhand von Fotobeweisen katalogisiert, verloren die russischen Streitkräfte im August 24.052 schwere Geräte, darunter 4.443 Panzer, von denen 3.348 im Kampf zerstört wurden. Die ukrainischen Streitkräfte meldeten den Verlust von 12.052 Geräten, darunter 1.460 Panzer, von denen 1.121 zerstört wurden.

Diese Zahlen verdeutlichen die anhaltende Abnutzung beider Seiten, obwohl sich die Frontlinien nur geringfügig verschieben. Für die durchschnittlichen Ukrainer bedeutet die fortgesetzte Bombardierung ziviler Infrastruktur, etwa das Brennen der Bergbaustadt Dobropillia, Vertreibung, Verlust von Lebensgrundlagen und erhöhte Unsicherheit.

Implikationen für europäische Partner

Für die EU-Mitgliedstaaten wirft der Vorfall mehrere praktische Fragen auf. Erstens ist die Zuverlässigkeit des ukrainischen Informationsaustauschs entscheidend für die Koordination von Sanktionen, Militärhilfe und Cyber‑Verteidigungsmaßnahmen. Eine sichtbare Kluft zwischen SBU und HUR könnte den Fluss handlungsrelevanter Geheimdienstinformationen zu den europäischen Hauptstädten erschweren.

Zweitens unterstreicht das Ereignis die Bedeutung robuster Aufsichtsmechanismen für Sicherheitsdienste, die westliche Mittel erhalten. Die Europäische Friedensfazilität und andere EU‑Hilfsprogramme verlangen von Partnerländern Nachweise von Rechenschaftspflicht und Rechtsstaatlichkeit.

Drittens verdeutlicht der Konflikt die menschliche Dimension des Krieges: Ukrainische Bürger tragen weiterhin die Last sowohl äußerer Aggression als auch interner Spannungen. Europäische Solidarität, sei es durch humanitäre Hilfe, Wiederaufbaugelder oder Unterstützung von Justizreformen, bleibt entscheidend, um ein Land zu stabilisieren, das noch immer mit den Belastungen eines langwierigen Konflikts ringt.

Ausblick

Die SBU hat eine interne Untersuchung zum Waffengebrauch angekündigt, während das Präsidialamt eine "gründliche und unabhängige" Überprüfung des gesamten Vorfalls versprochen hat. Budanow forderte eine umfassendere Untersuchung der systemischen Probleme, die solche Konfrontationen ermöglichen.

In der Zwischenzeit wurden beide Dienste angewiesen, weitere öffentliche Auseinandersetzungen zu vermeiden, und es wird über eine temporäre gemeinsame Kommandostruktur diskutiert, um die Koordination bei Operationen mit hochkarätigen Festnahmen zu verbessern.

Während der Krieg weiterzieht, erinnert der Vorfall eindringlich daran, dass neben dem Kampf gegen den äußeren Invasor die innere Kohäsion der Sicherheitsinstitutionen für das öffentliche Vertrauen und die Wirksamkeit der gesamten Verteidigungsanstrengungen unverzichtbar bleibt.

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