EU-Entwurf für den Haushalt könnte ESF+ abschaffen und garantierte Sozialausgaben um bis zu 24 Milliarden Euro kürzen
Der neue Mehrjährigen Finanzrahmen der EU sieht vor, den Europäischen Sozialfonds Plus als eigenständiges Instrument zu streichen und das 14‑Prozent‑Ziel für Sozialausgaben in nationale Partnerschaftspläne zu integrieren.

Die Europäische Kommission hat einen Entwurf für den Mehrjährigen Finanzrahmen (MFF) 2028‑2034 vorgelegt, der den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) als eigenständiges Instrument abschaffen würde. Stattdessen soll das Ziel von 14 % Sozialausgaben in den Nationalen Regionalen Partnerschaftsplänen jedes Mitgliedstaates verankert werden, sodass die Länder keine feste, rechtlich geschützte ESF+-Zuweisung mehr erhalten.
Der Vorschlag
Nach dem Entwurf müssen die Mitgliedstaaten nachweisen, dass mindestens 14 % der förderfähigen EU‑finanzierten Ausgaben für soziale Ziele verwendet werden. Die Kommission betont, dass das Ziel das Engagement der Union für soziale Investitionen bewahre und den Regierungen gleichzeitig mehr Flexibilität gebe, diese Ziele in breitere Politikpakete zu integrieren.
Mögliche Kürzungen der Sozialfinanzierung
Schätzungen der Dienste des Europäischen Parlaments gehen davon aus, dass die Gesamtausgaben für soziale Zwecke unter dem neuen Rahmen auf zwischen 63 Milliarden und 87 Milliarden Euro sinken könnten, verglichen mit den derzeit von ESF+ für den Zeitraum 2021‑2027 finanzierten 96 Milliarden Euro. Selbst im optimistischsten Szenario würde die garantierte Finanzierung also um mindestens 9 Milliarden Euro reduziert.
Die länderspezifischen Auswirkungen sind gravierend. Italien, das etwa 14,98 Milliarden Euro aus dem ESF+ erhält, könnte nur noch 3,22 Milliarden Euro erhalten, ein Rückgang von fast 80 %. Spaniens Zuweisung könnte von 11,43 Milliarden Euro auf 2,94 Milliarden Euro sinken, Portugal von 7,87 Milliarden Euro auf 1,58 Milliarden Euro. Deutschland könnte bis zu 68 % seiner aktuellen Mittel verlieren, Polen könnte im schlimmsten Fall mehr als 7 Milliarden Euro weniger erhalten, und Rumänien könnte etwa zwei Drittel seines Sozialbudgets einbüßen.
Die geplanten Kürzungen würden Programme wie Behindertenunterstützung, frühkindliche Betreuung, gemeindebasierte Langzeitpflege und die Ausbildung von Sozialpflegekräften betreffen. Das Europäische Soziale Netzwerk warnte, dass der Wegfall eines eigenen Fonds die Planbarkeit für NGOs und öffentliche Stellen gefährde, während der Europäische Gewerkschaftsbund argumentierte, dass schwache soziale Grundlagen die Wettbewerbsfähigkeit und das Wachstum untergraben würden.
Reaktionen von Institutionen und Mitgliedstaaten
Die Kommission argumentiert, dass ein starres Fondsmodell Ineffizienzen erzeugen könne und ein leistungsorientierter Ansatz die Ergebnisse verbessere. Der Haushaltsausschuss des Europäischen Parlaments äußerte jedoch Bedenken, dass der neue Mechanismus die rechtlichen Schutzmechanismen vermisse, die den ESF+ verlässlich gemacht haben.
Einige Abgeordnete des Europäischen Parlaments fordern eine rechtlich bindende, „hard‑wired" Sozialklausel, die ein Mindestniveau an EU‑Mitteln für Sozialprogramme garantiert. Mitgliedstaaten, die stark vom ESF+ abhängen, wie Italien und Spanien, haben sich vehement dagegen ausgesprochen, während andere, die größere Verteidigungs‑ oder Grün‑Transition‑Budgets erwarten, den Vorschlag als Möglichkeit sehen, Mittel für diese Prioritäten freizusetzen.
Weiterer Kontext und nächste Schritte
Nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU stellte der UK Shared Prosperity Fund etwa ein Drittel weniger Mittel bereit als die kombinierten ESF+- und Europäischen Fonds für regionale Entwicklung zuvor, was bereits zu schwerer finanzieller Instabilität für Gleichheits‑ und Inklusionsgruppen in Nordirland geführt hat.
Der Entwurf des MFF wird vom Europäischen Parlament und dem Ministerrat geprüft, ein Verfahren, das bis ins Jahr 2025 andauern kann. Zivilgesellschaftliche Gruppen, Gewerkschaften und einige nationale Regierungen werden voraussichtlich dafür lobbyieren, entweder einen eigenen Sozialfonds beizubehalten oder eine rechtlich bindende Mindestzuweisung zu etablieren. Lehnt das Europäische Parlament den Text der Kommission ab, könnte der Haushalt überarbeitet werden, um den ESF+ zu erhalten oder ein Hybridmodell zu schaffen, das einen garantierten Fonds mit dem 14‑Prozent‑Ziel kombiniert.
