EU‑Kommission verschiebt Verbot von Käfighaltung trotz Bürgerinitiative
Nach jahrelanger Zusage bleibt das geplante Verbot von Käfigen in der Nutztierhaltung aus, weil die Kommission vor allem mit der Agrarindustrie verhandelt hat.
Die Europäische Kommission hat den Zeitplan für ein umfassendes Verbot von Käfighaltung erneut nach hinten verschoben, obwohl die Europäische Bürgerinitiative (EBI) „End the Cage Age" bereits 2021 mehr als 1,4 Millionen Unterschriften gesammelt hatte.
Die Initiative verlangte ein sofortiges Verbot von Käfigen für Hühner, Kaninchen, Wachteln, Enten, Gänse, Schweine und Kälber. In einer Eurobarometer‑Umfrage von 2023 gaben 84 % der Befragten an, das Wohl von Nutztieren verbessern zu wollen, und 60 % waren bereit, dafür mehr zu bezahlen. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat empfohlen, Käfige bei Masthühnern und Legehennen abzuschaffen.
Versprochene Rechtsvorschriften bleiben aus
Nach dem positiven Beschluss des Europäischen Parlaments versprach die Kommission, bis Ende 2023 einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die schrittweise Abschaffung und schließlich das Verbot der genannten Käfigsysteme regelt. Die Frist wurde jedoch verpasst und das Verbot wurde aus dem Arbeitsprogramm 2024 gestrichen. Die Organisator:innen der EBI reichten daraufhin Klage beim Europäischen Gerichtshof ein, das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.
Treffen mit der Agrarindustrie dominieren
Ein Blick auf die Treffen des neuen Gesundheits‑ und Tierschutzkommissars Olivér Várhelyi, der seit Dezember 2024 im Amt ist, liefert Hinweise auf die Verzögerung. Seit seinem Amtsantritt hat er 60 Gespräche zum Thema Tierschutz geführt. Laut Recherche‑Medium Follow the Money fanden nur neun dieser Treffen, also 15 %, mit zivilgesellschaftlichen Akteuren wie den Organisator:innen der EBI oder NGOs ohne kommerzielle Interessen statt.
Die übrigen 51 Sitzungen wurden mit Vertretern der Viehwirtschaft abgehalten: Fleisch‑, Milch‑ und Geflügelproduzenten, die mit den Kosten und logistischen Folgen einer Abschaffung der Käfighaltung konfrontiert wären. Ein Beamter, der dem Lighthouse‑Report angehört, beschrieb die Haltung der Industrie gegenüber einer Gesetzgebung als „extrem negativ".
Die genauen Inhalte der Gespräche bleiben geheim. Die Kommission lehnte einen Antrag der Tierrechtsanwältin Anna Mulà Arribas auf Zugang zu den Protokollen ab und argumentierte, dass die Offenlegung den Entscheidungsprozess dem Risiko „externer Einflüsse" aussetzen könnte.
Reaktionen aus Zivilgesellschaft und Parlament
„Sechs Jahre später sehen wir klar, wer Zugang zu diesem Prozess hatte. Was wir immer noch nicht sehen, ist, wie die Kommission das gegen ihre Verpflichtung gegenüber den Millionen abwägt, die die EBI unterzeichnet haben, und das Ergebnis ist bisher eine Gesetzesvorlage, die immer wieder verzögert wird", kritisierte Arribas.
Debbie Tripley, globale Kampagnendirektorin von Compassion in World Farming, betonte, dass ein echter Tierschutz‑Kommissar vor allem auf Tierschutzorganisationen und umweltbewusste Landwirt:innen hören müsse, nicht nur auf profitorientierte Agrarlobbyist:innen.
Im Europäischen Parlament äußerte Anja Hazekamp von Die Linke, dass die aktuellen Pläne der Kommission lediglich die Käfige für Legehennen und Sauen betreffen. Für die übrigen Millionen Tiere, Enten, Gänse, Wachteln, Kaninchen und Kälber, gebe es keinen konkreten Zeitplan. Sie wirft Várhelyi enge Verbindungen zur Industrie vor und bezweifelt seinen Ehrgeiz, den Tierschutz zu stärken.
Neue Zeitpläne, aber lückenhaft
Die Kommission hat das Thema wieder auf ihre Agenda gesetzt und plant, die Tierschutzvorschriften für Hühner und Masthühner im Jahr 2026 sowie für Schweine im Jahr 2027 zu überprüfen, wie in ihrer Viehwirtschaftsstrategie dargelegt. Ein Gesetzentwurf für Hühner soll bis Ende dieses Jahres vorgelegt werden.
Allerdings konzentrieren sich die geplanten Maßnahmen ausschließlich auf Legehennen und Sauen. Für die restlichen Arten fehlt ein verbindlicher Fahrplan, was Kritiker:innen als halbherzige Umsetzung der ursprünglichen Zusage werten.
Folgen für Verbraucher und Landwirte
Für europäische Verbraucher bedeutet die Verzögerung höhere Preise für tierische Produkte, weil die Industrie die Kosten einer Umstellung auf alternative Haltungssysteme weiterhin intern trägt. Gleichzeitig bleiben viele Landwirt:innen in einem Spannungsfeld zwischen Marktzwang und wachsendem gesellschaftlichen Druck, tierfreundlichere Produktionsweisen zu übernehmen.
Die EU‑weit geltende Transparenz‑ und Rechenschaftspflicht wird dadurch weiter untergraben. Während die Kommission die Gefahr externer Einflussnahme betont, zeigen die internen Protokolle, dass die Industrie bereits mehrfach direkten Zugang zu den Entscheidungsträgern hatte, ein Umstand, der das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Unabhängigkeit der EU‑Politik erschüttert.
Die anhaltende Klage der EBI beim Europäischen Gerichtshof könnte zu einer gerichtlichen Anordnung führen, die die Kommission zwingt, konkrete Gesetzesvorschläge vorzulegen. Bis dahin bleibt das Schicksal von mehr als 300 Millionen Nutztieren, die jährlich in Käfigen gehalten werden, ungewiss.

