Letta warnt: Europa muss den Binnenmarkt vollenden, um Scale‑Ups vor China und den USA zu schützen
Der frühere italienische Ministerpräsident Enrico Letta fordert ein einheitliches EU‑Marktregime, um die Wachstumschancen europäischer Unternehmen zu sichern.

Enrico Letta, ehemaliger Ministerpräsident Italiens und Präsident des Jacques‑Delors‑Instituts, erklärte UnionPress, dass die Unfähigkeit Europas, einen wirklich einheitlichen Markt zu schaffen, seine vielversprechendsten Unternehmen zwingt, von Konkurrenten aus den USA und China aufgekauft zu werden.
Der kritische Moment für Scale‑Ups
In einem exklusiven Interview, in dem er zudem als Dekan der IE School of Politics, Economics and Global Affairs fungiert, warnte Letta, dass die Phase des Scale‑Ups, der Punkt, an dem Start‑Ups entweder zu globalen Akteuren heranwachsen oder verschwinden, für viele europäische Firmen zu einer Todesfalle geworden sei. "Wenn wir einen Markt entlang von 27 nationalen Grenzen erhalten, werden wir weiterhin Scale‑Ups verlieren", sagte er.
Der Binnenmarkt als fehlender Wachstumsmotor
Lettas Äußerungen basieren auf einem Bericht, den sein Brüssel‑ansässiger Think‑Tank Anfang des Jahres veröffentlicht hat. Das Papier, das die aktuelle Agenda der Europäischen Kommission für den Binnenmarkt maßgeblich beeinflusst hat, argumentiert, dass Größe in Sektoren wie Elektrofahrzeugen, Hochtechnologie‑Maschinen, Gesundheit und Biotechnologie wichtiger denn je sei.
"China und die Vereinigten Staaten haben den Vorteil, in bereits national integrierten Märkten zu operieren", erklärte Letta. "Europäische Unternehmen müssen in einem fragmentierten Flickenteppich konkurrieren, was es erheblich schwieriger macht, die für den globalen Wettbewerb notwendigen Skaleneffekte zu erreichen."
Der Bericht bezeichnet den aktuellen Wettbewerbsdruck als "China Shock 2.0" und verweist auf den raschen technologischen Aufstieg Chinas seit dem ursprünglichen "China Shock" der frühen 2000er‑Jahre. Letta betonte, dass die massive staatliche Investition Chinas in Health‑Tech und Biotech diese Sektoren neu formt und europäische Firmen verwundbar macht.
Warum Scale‑Ups fliehen
Laut Letta ist der Hauptreiz für europäische Unternehmer der Zugang zu einem Markt von der Größe der USA oder Chinas. "In den USA kann ein Start‑Up auf einen Markt von 330 Millionen Konsumenten zugreifen, ohne 27 unterschiedliche Regulierungsrahmen zu durchlaufen", bemerkte er. "China bietet massive staatlich geförderte Finanzierung und einen Binnenmarkt von über einer Milliarde Menschen sowie ein politisches Umfeld, das schnelles Skalieren begünstigt."
Im Gegensatz dazu müssen europäische Firmen 27 verschiedene Steuergesetze, Arbeitsrechtsvorschriften und Produktstandards bewältigen, bevor sie kontinentübergreifend verkaufen können. Die daraus resultierenden Kosten und administrativen Belastungen treiben viele dazu, Wachstum anderswo zu suchen oder Übernahmeangebote aus dem Ausland anzunehmen.
Er nannte jüngste hochkarätige Übernahmen im Gesundheitssektor, bei denen US‑ und chinesische Investoren vielversprechende europäische Biotech‑Start‑Ups gekauft haben, als Beleg dafür, dass sich dieser Trend beschleunigt.
Politischer Wille und bevorstehende Fristen
Letta sieht ein enges Zeitfenster für die EU. Der Vorschlag der Europäischen Kommission für das "28. Regime", ein einheitliches Regelwerk für Unternehmen im gesamten Block, soll noch vor Jahresende verabschiedet werden. Er ist zuversichtlich, dass die Mitgliedstaaten das Wettbewerbsagenda unterstützen werden, obwohl sie bei Migration, Haushalt und Standort von Aufsichtsbehörden divergieren.
"Wir sehen bereits breite Einigkeit über die Notwendigkeit eines einheitlichen EU‑weiten Unternehmenscodes", sagte Letta. "Die verbleibenden Streitpunkte sind größtenteils politischer und emotionaler Natur, nicht wirtschaftlicher Natur des Binnenmarktes."
Er verwies auf die bevorstehende Rede zum State of the Union von EU‑Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 16. September als entscheidenden Moment. "Wenn die Kommission eine klare Fahrtrichtung präsentiert, die den Binnenmarkt stärkt, signalisiert das Investoren, dass Europa seine Scale‑Ups ernsthaft schützen will", fügte er hinzu.
Reaktionen von Gewerkschaften und Industrie
Europäische Gewerkschaften begrüßten den Aufruf zu tieferer Integration und argumentierten, dass ein größerer Markt auch die Arbeitnehmerrechte stärken könne, indem EU‑weite Standards gesetzt werden. Die Europäische Gewerkschafts‑Konföderation (ETUC) betonte, dass ein einheitlicher Markt einem Wettlauf nach unten bei Löhnen und Arbeitsbedingungen entgegenwirken würde.
Industrieverbände warnten jedoch, dass die reine Regelharmonisierung nicht ausreiche. Der European Round Table of Industrialists (ERT) forderte begleitende Maßnahmen wie besseren Zugang zu Risikokapital, einen flexibleren Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Talente und eine koordinierte EU‑weite Forschungsagenda.
Letta nahm diese Punkte auf und betonte, dass Marktintegration mit "einem robusten Innovationsökosystem, besserer Finanzierung und Qualifikationsentwicklung" einhergehen müsse, um europäische Firmen wirklich wettbewerbsfähig zu machen.
Ausblick
Wenn die EU das 28. Regime verabschiedet und die Marktintegration vertieft, könnte Europa einen größeren Anteil seiner High‑Tech‑Firmen behalten und die Abhängigkeit von ausländischem Kapital reduzieren. "Die Alternative ist ein Europa, das seine vielversprechendsten Unternehmen über den Atlantik oder nach Peking verschwinden sieht", warnte Letta.
Kritiker bezweifeln, dass das bürokratische Gefüge der EU die notwendigen Reformen schnell genug umsetzen kann, gerade weil der globale Wettbewerb zunimmt. Dennoch ist Lettas Botschaft klar: Ohne einen wirklich einheitlichen Binnenmarkt riskiert Europa, die nächste Generation von Innovatoren an Rivalen zu verlieren, die bereits von Skalenvorteilen profitieren.
