Europa könnte bis 2030 bis zu 800 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verlieren, warnt Allianz
Die Versicherungsgruppe warnt, dass intensivere Hitzewellen bis zum Ende des Jahrzehnts enorme wirtschaftliche Schäden in Frankreich, Italien, Deutschland und Spanien verursachen könnten.

Allianz SE hat gewarnt, dass Europa bis 2030 einen Verlust von bis zu 800 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung erleiden könnte, wenn extreme Hitzeereignisse weiter zunehmen. Das Modell der Versicherungsgruppe, das mehr als 40 Länder anhand von Kostendaten aus Hitzewellen von 2014 bis 2024 analysierte, identifizierte Frankreich, Italien, Deutschland und Spanien als die am stärksten gefährdeten Volkswirtschaften.
Prognostizierte Verluste für die größten Volkswirtschaften
Die Analyse schätzt das gefährdete Produktionsvolumen für Frankreich auf 211 Milliarden Euro, etwa 240 Milliarden US‑Dollar, wenn keine Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Italien droht ein potenzieller Verlust von 147 Milliarden Euro, Deutschland 131 Milliarden Euro und Spanien 120 Milliarden Euro bis zum Ende des Jahrzehnts. Diese vier Länder werden zudem als die mit der höchsten fiskalischen Belastung und der geringsten Fähigkeit, solche Schocks zu absorbieren, beschrieben.
Verborgene Auswirkungen der Hitze auf die Produktivität
Nach dem Modell von Allianz verursacht Hitze selten sichtbare Schäden an der Infrastruktur, senkt jedoch die Produktivität, wenn die Temperaturen für im Freien tätige Beschäftigte 30 °C überschreiten. Landwirtschaft und Bauwesen wurden als die Sektoren hervorgehoben, die am stärksten von hitzebedingten Produktivitätsverlusten betroffen sind. In Deutschland, wo das Bauwesen einen beträchtlichen Anteil am Bruttoinlandsprodukt ausmacht, könnten hitzebedingte Verzögerungen die Wohnkosten in die Höhe treiben.
Im Agrarsektor warnte ein italienischer Agro‑Klimatologe, dass ein einziger sehr heißer Tag während der Blütephase die gesamte Olivenernte zerstören kann. Eine separate Studie prognostizierte, dass die Olivenölproduktion auf der Iberischen Halbinsel um bis zu 28 Prozent sinken könnte, ein signifikanter Wert, da Spanien mehr als die Hälfte des weltweiten Olivenöls liefert.
Gesundheitsdienste unter Druck
Temperaturen über 40 °C wurden in weiten Teilen Frankreichs und Spaniens im vergangenen Sommer gemessen. Die Gesundheitsdienste in diesen Ländern berichteten von Überlastung und einem Anstieg der Übersterblichkeit. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation bezeichnete Hitzestress als einen stillen Killer und betonte die wachsende Gefahr für die öffentliche Gesundheit.
Politische Reaktionen und Branchenreaktionen
Gewerkschaften in Frankreich und Deutschland fordern ein gesetzlich verbindliches Höchstmaß für Arbeitstemperaturen, während Arbeitgeber warnen, dass plötzliche regulatorische Änderungen die Lohnkosten erhöhen und die Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere von kleinen und mittleren Unternehmen, beeinträchtigen könnten. Der jüngste Klimaanpassungsfahrplan der Europäischen Kommission nennt die Notwendigkeit hitzeresistenter Infrastruktur und stärkerer Arbeitsschutzstandards, doch Kritiker argumentieren, dass die Vorschläge an ausreichender Finanzierung und Durchsetzungsmechanismen mangeln.
Die Europäische Umweltagentur stellte fest, dass länderübergreifende Vergleiche stark von der Methodik abhängen und sie kein Land offiziell als am stärksten betroffen kennzeichnen würde. Dennoch betonte die Klimaanpassungs‑Expertin der Agentur das erhebliche Risiko, das übermäßige Hitze für Gesundheit und Wirtschaft darstellt, mit bedeutenden makroökonomischen und fiskalischen Folgen.
Finanzmärkte und zukünftige Kosten
Allianz beobachtete einen Anstieg der Nachfrage nach klimabezogenen Versicherungsprodukten. Emittenten von Green‑Bonds sehen Chancen, Projekte zur Hitzeminderung zu finanzieren, etwa reflektierende Dächer, städtische Begrünung und Wasserspeichersysteme. Haushalte könnten mit höheren Lebensmittelpreisen, angespannten Wohnungsmärkten und möglicherweise niedrigeren Löhnen konfrontiert werden, wenn Unternehmen die Produktivitätsverluste weitergeben.
EU‑weite klimabezogene Verluste sind seit den 1980er‑Jahren stark gestiegen und erreichten laut CATDAT und RiskLayer GmbH in den Jahren 2021‑2022 etwa 50 Milliarden Euro. Die neuen Zahlen deuten darauf hin, dass ohne entschiedene Anpassungsmaßnahmen die wirtschaftlichen und sozialen Kosten von Hitzewellen in Europa weiter zunehmen werden.
