Rekordfahrt von Finnland nach Portugal zeigt Schwächen im europäischen Schienennetz
Bahnaktivist Jon Worth legt mit einem Interrail‑Pass 6.282 km in 125 Stunden zurück und kritisiert mangelhafte Koordination und fehlende Alternativstrecken.
Der Bahnaktivist Jon Worth hat letzte Woche die längste Zugstrecke innerhalb der EU zurückgelegt, von Kemijärvi im finnischen Norden bis nach Lagos im portugiesischen Süden, und brauchte dafür 125 Stunden und 31 Minuten.
Mit einem Interrail‑Pass fuhr er über 6.282 Kilometer, nutzte 18 Züge von zehn verschiedenen Betreibern und musste dabei eine Strecke zwischen Haparanda (Schweden) und Tornio (Finnland) überqueren, die erst im August nach 38‑jähriger Schließung wieder eröffnet wurde.
Planungsaufwand und unvorhergesehene Hindernisse
Worth wollte nicht nur einen Rekord aufstellen, sondern mit dem Versuch die „Freuden und Frustrationen des grenzüberschreitenden Fernverkehrs" sichtbar machen. Er betont, dass die Buchung einer solchen Reise für die meisten Menschen noch immer zu komplex sei. In seiner Kalkulation hätte die Fahrt bei optimalem Ablauf rund 100 Stunden und neun Minuten gedauert, in Wirklichkeit kamen 25 Stunden dazu.
Die größten Verzögerungen entstanden nicht bei der Deutschen Bahn, sondern in Schweden, wo ein Stromausfall 24 Stunden kostete, und in Portugal, wo eine Anschlussverbindung 80 Minuten zu spät kam. Weitere Beinahe‑Pannen, ein im Hamburger Bahnhof entdeckter, noch zu entschärfender Zweiter‑Welt‑Krieg‑Sprengsatz und ein knapp verpasstes Erdbeben in Rheinland‑Pfalz, blieben glücklicherweise ohne Folgen.
Schwächen im europäischen Schienennetz
Worth fasst sein Fazit zusammen: Die Infrastruktur sei an vielen Stellen fragil, weil einzelne Strecken von nur einer einzigen Verbindung abhängen. Fällt diese aus, gibt es häufig keine einfache Alternative. Zudem fehle es an länderübergreifender Koordination, was die Planung erschwere.
Dennoch hebt er die Hilfsbereitschaft des Bahnpersonals hervor. Der Chef der schwedischen Gesellschaft Norrtåg lud ihn sogar zu einer Stunde in den Führerstand ein, und zahlreiche Mitarbeitende unterstützten ihn bei Problemen.
Interrail als Schlüssel zur Flexibilität
Für Reisende, die ähnliche Abenteuer planen, empfiehlt Worth die Nutzung von Interrail. Der Pass koste ihn 387 Euro; reguläre Tickets für dieselbe Strecke hätten nach seiner Schätzung mindestens 563 Euro gekostet. Interrail ermögliche, fast überall in Regionalzüge einzusteigen, und biete günstige Reservierungsgebühren von fünf bis zwanzig Euro, die bei Nichtgebrauch storniert werden können.
Ohne das einheitliche Ticket wäre die Reise laut Worth ein „Albtraum" gewesen, sowohl logistisch als auch finanziell.
EU‑Initiativen zur Verbesserung des grenzüberschreitenden Verkehrs
Der fehlende Datenaustausch und das Fehlen eines einheitlichen Ticketsystems über nationale und private Betreiber hinweg gelten als die größten Hindernisse für den europäischen Schienenverkehr. Im Mai hat die Europäische Kommission ihr „Passenger Package" vorgestellt, ein Dreiteiler aus Gesetzesvorschlägen, die die Planung und Buchung von grenzüberschreitenden Zugreisen vereinfachen sollen.
Worth begrüßt die Initiative: „Das kann nicht früh genug kommen. Viel mehr Fahrgäste würden mit dem Zug fahren, wenn es einfacher wäre, zu planen und zu wissen, was im Fall von Störungen passiert."
Die Rekordfahrt macht deutlich, dass trotz wachsender Nachfrage nach nachhaltigem Fernverkehr die strukturellen Schwächen des europäischen Schienennetzes noch immer viele Reisende abschrecken. Eine bessere Koordination, einheitliche Ticketlösungen und robuste Alternativstrecken könnten nicht nur den Komfort erhöhen, sondern auch die Attraktivität des Zuges gegenüber Flug- und Autoverkehr stärken, ein Ziel, das im Kontext von Klimaschutz und sozialer Mobilität immer wichtiger wird.
