Studie warnt: Sicherheitsbedenken bringen Wähler 2027 nicht zurück ins Zentrum
Eine US‑Abkehr von der NATO und eine russische Invasion Estlands erhöhen die Nachfrage nach mehr Verteidigungsausgaben, doch die Unterstützung für die AfD bleibt unverändert.

Ein hypothetisches Szenario, in dem deutsche Wähler gleichzeitig mit einem US‑Rückzug aus der NATO und einer russischen Invasion Estlands konfrontiert werden, löst zunächst einen starken Wunsch nach höheren Verteidigungsausgaben und stärkerer europäischer Sicherheitskooperation aus. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass diese Verschiebung der Politikpräferenzen nicht zu einem Rückgang der Unterstützung für die rechtsextreme AfD führt und damit Zweifel an dem sogenannten Sicherheits‑Dividende‑Effekt aufkommen lässt, den etablierte Parteien lange gehofft haben.
Methodik und Szenario
Die Forschung wurde von Ala' Alrababah (Bocconi University), Rachel Myrick (Duke University) und einer Kollegin durchgeführt. Anfang 2024 befragten sie eine repräsentative Stichprobe deutscher Bürger. Die Teilnehmenden wurden zufällig entweder einer neutralen Beschreibung der Innenpolitik oder einer lebhaften Erzählung zugewiesen, in der der ehemalige US‑Präsident Donald Trump amerikanische Truppen aus der NATO abzieht und damit das Bündnis praktisch auflöst, während russische Truppen nach Estland einmarschieren, ein NATO‑ und EU‑Mitglied. Anschließend wurden die Befragten nach ihren Prioritäten für Politiker und nach Parteipräferenzen gefragt.
Politische Prioritäten kippen in Richtung Sicherheit
Wie zu erwarten war, zeigten die Befragten, die das Bedrohungsszenario gelesen hatten, eine deutlich höhere Bereitschaft, höhere Verteidigungsausgaben und eine intensivere Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Verteidigungsagentur zu unterstützen. Sie legten zudem mehr Wert auf die außenpolitische Erfahrung, das Urteilsvermögen und die Kompetenz von Politikern im Umgang mit Sicherheitskrisen. Quantitativ stieg die Zustimmung zu höheren Verteidigungsausgaben um etwa acht Prozentpunkte gegenüber der Kontrollgruppe.
Diese Ergebnisse spiegeln ein bekanntes Muster der International‑Relations‑Theorie wider: Externe Gefahren belohnen Amtsinhaber und Parteien, die als fähig gelten, nationale Interessen zu schützen. Im deutschen Kontext erhöhte die Mitte‑rechts‑Partei CDU/CSU unter Kanzler Friedrich Merz ihre hypothetische Unterstützung um 4,4 Punkte nach dem Sicherheitsszenario. Der Aufschwung kam vor allem von Wählern, die zuvor die liberale FDP, die SPD oder die Grünen gewählt hatten.
Unterstützung für die AfD bleibt hartnäckig
Unerwartet war die Widerstandsfähigkeit der Alternative für Deutschland (AfD). Trotz des gesteigerten Gefühls von Gefahr blieb die Parteibasis praktisch unverändert. Über 96 % der Befragten, die zuvor für die AfD gestimmt hatten, blieben nach dem Szenario bei der Partei, obwohl sie ähnliche Verschiebungen in den Politikpräferenzen wie der Rest der Wählerschaft zeigten, stärkerer Verteidigung und entschlosseneres außenpolitisches Handeln.
"Die Kernwählerschaft der AfD scheint parteiloyal zu bleiben, selbst wenn sie mit einer klaren externen Bedrohung konfrontiert wird", schreiben die Autoren. "Selbst wenn sie die Sicherheitspolitik kritisieren, verlassen sie nicht die Partei, die sich als Gegenspieler des Mainstream‑Konsenses zu Russland und NATO positioniert." Diese Beobachtung spiegelt jüngste Wahlergebnisse in den ostdeutschen Bundesländern wider, wo die AfD mehr als 38 % in Mecklenburg‑Vorpommern und 43,8 % in Sachsen‑Anhalt erhielt, während die CDU dort die Fünf‑Prozent‑Hürde verfehlte.
Der Sicherheits‑Dividende‑Mythos
Traditionelle Modelle der Politikwissenschaft gehen davon aus, dass Wähler in existenziellen Bedrohungslagen zu Parteien mit nachgewiesenen Regierungsfähigkeiten tendieren. Das deutsche Experiment zeigt jedoch eine differenziertere Realität: Während etablierte Parteien einen modesten Aufschwung erfahren, bleibt dieser Effekt auf das politische Zentrum beschränkt und zieht keine Wähler von den Extremen ab.
Ein Grund liegt in der Umgestaltung der Sicherheitsnarrative der rechtspopulistischen Parteien. Die AfD hat in den letzten Jahren ihre offen pro‑russische Rhetorik abgeschwächt und konzentriert sich stattdessen auf Kritik an einer vermeintlichen NATO‑Überdehnung, den Kosten der Verteidigung und den Auswirkungen von Sanktionen auf die deutschen Haushalte. Indem sie Sicherheitspolitik als wirtschaftliche Innenfrage darstellt, kann sie Wähler ansprechen, die sowohl externe Bedrohungen als auch die Haushaltsklemme befürchten.
Ein weiterer Faktor ist die wachsende Skepsis gegenüber den USA in Teilen des europäischen Wählerspektrums. Der hypothetische Trump‑Rückzug aus der NATO resonierte mit bestehenden Zweifeln an der Zuverlässigkeit Amerikas, ein Gefühl, das durch jüngste US‑Zurückzüge aus europäischen Verteidigungsinitiativen verstärkt wurde. Wenn die USA als unzuverlässiger Partner dargestellt werden, können Parteien, die europäische strategische Autonomie betonen, selbst wenn sie Sanktionen gegen Russland kritisieren, das Sicherheitsthema übernehmen, ohne als naiv oder pro‑Moskau abgestempelt zu werden.
Folgen für den Wahlzyklus 2027
Frankreich, Spanien, Polen und Italien stehen 2027 vor nationalen Wahlen, ein Jahr, in dem sich das sicherheitspolitische Umfeld Europas weiter verschlechtern könnte. Der Ukraine‑Krieg zieht sich, die Spannungen zwischen den USA und dem Iran steigen, und die Gefahr einer gespaltenen NATO wird realer. In einem solchen Klima könnten etablierte Parteien versucht sein, zu glauben, dass ein sicherheitsfokussierter Wahlkampf automatisch extremistische Kräfte marginalisiert.
Die deutschen Befunde warnen vor dieser Selbstgefälligkeit. Wenn Wähler weiterhin stärkere Verteidigungspolitik fordern und gleichzeitig Parteien belohnen, die den Konsens zu Russland infrage stellen, könnte das politische Zentrum zwischen dem Druck, hart zu Sicherheitsthemen zu stehen, und dem Risiko, Wähler zu verlieren, die sich durch steigende Verteidigungssteuern belastet fühlen, zerrieben werden.
Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen haben bereits Bedenken geäußert, dass ein Anstieg der Verteidigungsausgaben durch Kürzungen bei Sozialprogrammen oder höhere Lohnsteuern finanziert werden könnte. Der Europäische Gewerkschaftsbund fordert, dass jede Erhöhung der Verteidigungsbudgets durch Garantien für Arbeitnehmerrechte und öffentliche Dienste ausgeglichen wird. Ohne solche Zusicherungen könnte die Sicherheits‑Dividende zu einer höheren fiskalischen Belastung der Haushalte führen, statt zu einer echten Verbesserung der Sicherheit.
Strategische Lehren
Für Entscheidungsträger ist die Botschaft klar: Auf externe Bedrohungen allein zu setzen, um das Zentrum zu festigen, ist riskant. Um Wähler von der AfD zurückzugewinnen, müssen etablierte Parteien die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Ängste adressieren, bezahlbare Energie, angemessene Löhne und robuste öffentliche Dienste, und gleichzeitig eine glaubwürdige Vision für europäische Verteidigung präsentieren, die nicht von einem einzigen externen Schutzpatron abhängt.
Die Autoren der Studie betonen zudem die Notwendigkeit fortlaufender Beobachtungen. "Zukünftige Befragungen sollten prüfen, ob reale Ereignisse, wie eine weitere Eskalation in der Ukraine oder ein konkreter US‑Politikwechsel, das gleiche Muster erzeugen", schreiben sie. "Wenn die Gewinne des Zentrums auf den moderaten Block beschränkt bleiben und die Basis der AfD intakt bleibt, muss Europa einer doppelten Herausforderung gegenüberstehen: gesteigerte Sicherheitsforderungen und ein widerstandsfähiger populistischer Oppositionsblock."
Im Vorfeld der Wahlen 2027 erinnert die deutsche Warnung daran, dass Sicherheitsbedenken nicht automatisch zu politischer Moderation führen. Wähler wollen zwar stärkere Verteidigung, aber sie suchen zugleich Parteien, die ihre Existenzgrundlage schützen und demokratische Werte in einer zunehmend unsicheren Welt verteidigen.


