Späte Mückensaison in Lettland weist auf klimabedingte Verschiebung des Insektenzyklus hin
Ein ungewöhnlich trockener Frühling verzögerte das Auftreten erwachsener Mücken bis Mitte Juni und liefert erste Hinweise auf den Einfluss des Klimawandels.
In Lettland wurden die ersten erwachsenen Mücken erst am Mittsommertag, dem 24. Juni 2024, beobachtet. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler führen dies auf den ungewöhnlich trockenen Frühling zurück, der die kleinen Wasserflächen, die normalerweise als Brutstätten dienen, austrocknete und den Saisonbeginn weit ins Sommerhalbjahr verschob.
Warum die Verzögerung
Die Entwicklung von Mücken erfordert sowohl ausreichende Wärme als auch stehendes Wasser. Der Frühling 2024 war warm genug für Wachstum, doch Pfützen und andere Mikrohabitate trockneten aus, sodass die Larven nicht schlüpfen konnten. Als der Regen im späten Frühling zurückkehrte und die Temperaturen über die Entwicklungsschwelle stiegen, traten die ersten Adulten im Juni hervor. "Die Kombination aus zu wenig Wasser und zu kühlen Temperaturen verzögert das Schlüpfen der Larven", erklärt Jānis Graudiņš, Entomologe am lettischen Wissenschaftsinstitut BIOR.
Ökologische Rolle der Mücken
Abgesehen von ihrem Ruf als Plage sind Mücken eine wichtige Nahrungsquelle für Fische, Amphibien, Libellen, Vögel, Fledermäuse und andere Insektivoren. Ihre Larven helfen, organisches Material in Gewässern abzubauen, und erwachsene Weibchen besuchen Blumen für Nektar, wodurch sie in bescheidenem Maße zur Bestäubung beitragen. Nur die Weibchen stechen, und das tun sie ausschließlich, wenn sie einen geeigneten Ort zur Eiablage suchen.
Monitoring in Lettland
Das BIOR‑Institut startete erst im letzten Jahr ein flächendeckendes Monitoring‑Programm und hat bislang rund 40 Arten erfasst. Die Daten sind noch zu spärlich, um langfristige Trends zu definieren, doch die aktuelle Saison liefert erste Anhaltspunkte. Im Vorjahr wurde erstmals die invasive japanische Mücke Aedes japonicus nachgewiesen, was das Risiko neuer Arten, die über Handel oder Reisen eingeschleppt werden, verdeutlicht. "Ein Land wird erst sichtbar 'rot', wenn es ein konsequentes Monitoring einführt", sagt Olivier Briet, Experte für medizinische Entomologie beim ECDC.
Folgen für die Krankheitsverbreitung
Steigende Sommertemperaturen könnten wärmeliebende Arten nach Norden treiben, während kälteadaptierte Arten zurückziehen. Diese Umverteilung kann die Übertragung von mückenübertragenen Krankheiten beeinflussen. Der West-Nil-Virus zum Beispiel benötigt ein bestimmtes Temperaturintervall, um sich im Vektor zu entwickeln; lettische Sommer haben dieses Schwellenwert selten erreicht, doch gelegentliche Hitzewellen könnten das Risiko erhöhen. Die Asiatische Tigermücke, die sich seit 2020 in Europa ausbreitet, bleibt ebenfalls eine Sorge.
Europäischer Kontext und Bürgerwissenschaft
Auf dem Kontinent verzeichnete das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) im Jahr 2024 304 lokal übertragene Dengue‑Fälle und 1 436 West‑Nile‑Infektionen in 19 Ländern. Bis Juni 2025 war die Asiatische Tigermücke in 369 EU‑ und EWR‑Regionen bestätigt, ein Anstieg von 114 Regionen gegenüber einem Jahrzehnt zuvor.
Die Niederlande zeigen, wie systematische Bürgerbeteiligung die Überwachung verbessern kann. Seit 2020 fordert das Citizen‑Science‑Projekt "Muggenradar" die Bewohnerinnen und Bewohner auf, Belästigungsgrade, Sichtungen und Schutzmaßnahmen zu melden und gelegentlich gefangene Exemplare an Labore zu senden. Das Programm hat gezeigt, dass wärmeres Wetter das Verbreitungsgebiet zweier verbreiteter Hausmückenarten, Culex pipiens und Culex molestus, ausdehnt. Letztere gedeiht in unterirdischen Habitaten wie Kellern und Abwassersystemen, und Hybride zwischen beiden Arten können sowohl Vögel als auch Säugetiere stechen, was die West‑Nile‑Virus‑Übertragung im Winter begünstigen könnte.
Öffentliche Gesundheitsempfehlungen
Um Mückenstiche und das damit verbundene Krankheitsrisiko zu begrenzen, empfiehlt das BIOR‑Institut, stehendes Wasser im Garten zu entfernen, Insektengitter an Fenstern und Türen anzubringen, Repellentien auf unbedeckte Haut aufzutragen und ungewöhnliche Mückenexemplare den nationalen Monitoring‑Behörden zu melden.
Die verzögerte Saison in Lettland, zunächst eine Belästigung, liefert wertvolle Einblicke, wie der Klimawandel bereits die Lebenszyklen von Insekten umgestaltet. Für Entscheidungsträger ist die Lehre klar: Nachhaltige Investitionen in Monitoring, Forschung und Aufklärung der Öffentlichkeit sind unerlässlich, sowohl zum Schutz der Biodiversität als auch zur Wahrung der menschlichen Gesundheit.
